Manchmal merkt man selbst gar nicht wie ignorant man eigentlich ist. Ich dachte bisher immer, dass Holocaust und Shoah zwei austauschbare Begriffe seien. Aber beide Begriffe bezeichnen zwar denselben Fakt: den millionenfachen Mord an Juden während des Zweiten Weltkriegs. Aber sie haben eine sehr unterschiedliche Herkunft und Bedeutung. Erst ein Kommentar auf Youtube hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass viele den Begriff Shoah anscheinend noch nicht einmal kennen. Andere, wie ich, nutzen die Wörter synonym, ohne ihre exakte Bedeutung zu kennen.

Während Historiker und Überlebende strikt dafür plädieren nur eines der beiden Wörter zu verwenden. In einer Zeit, in der rechte Propaganda gezielt versucht, Geschichte umzudeuten, müssen wir uns der Macht unserer Sprache bewusst werden. Hier also ein kleiner Exkurs durch die Begriffsgeschichte.

Holocaust - Das missverstandene Brandopfer

Das Wort „Holocaust“ dominiert heute den weltweiten Sprachgebrauch, besonders in der englischsprachigen Forschung. Der Begriff stammt vom griechischen holokauston und bedeutet wörtlich „vollständig verbrannt“. Auf den ersten Blick erscheint das grausam passend. Die Nazis verbrannten die Leichen ihrer Opfer in den Krematorien der Konzentrationslager und warfen die Asche in nahegelegene Flüsse und Seen. Nichts sollte von den Opfern übrig bleiben. Und um die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen exhumierten SS-Kommandos die Massengräber, die sie Jahre zuvor angelegt hatten. Zehntausende Opfer der Erschießungskommandos wurden in den Gruben verbrannt.

Fast schon lyrisch, da von „Brandopfer“ zu sprechen. Einige empfinden das aber auch als zynisch. In der antiken Welt und der Bibel bezeichnete holokauston nämlich ein religiöses Brandopfer. Ein Opfer, das zu Ehren Gottes auf einem Altar dargebracht wurde. Diese religiöse Dimension passt natürlich überhaupt nicht zum industriellen Massenmord der Nazis aus rassistischen Gründen. Nutzen wir diesen Begriff für den Massenmord an Juden, Sinti und Roma und Kriegsgefangenen, schwingt eine unbewusste religiöse Sinnstiftung mit.

Ihr sinnloser Tod und der unglaublich brutale Umgang mit den zur Vernichtung bestimmten Menschen war kein Opfer an die Götter, kein religiöser Akt. Er war schlicht ein Verbrechen monströsen Ausmaßes. Überlebende wie der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel warnten früh vor diesem Wort. Er argumentierte, dass der Begriff das sinnlose Leiden fälschlicherweise in einen göttlichen Heilsplan integriert. Dem zynischen Völkermord wird so ein religiöser Sinn verliehen, den es niemals gab.

Dennoch hat sich das Wort durchgesetzt. Es steht heute global für das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten und schließt oft alle Opfergruppen mit ein.

Shoah: Die nackte Katastrophe

Einen starken Kontrast dazu bildet der hebräische Begriff „Shoah“. Er bedeutet schlicht: Unheil, Zerstörung oder Verwüstung. In der Bibel beschreibt das Wort ein plötzlich hereinbrechendes, absolut sinnloses Unglück. Einen Sturm, der alles vernichtet.

Ziemlich passend für die jüdische Perspektive. Vor allem für die polnischen Juden. Sie wurden von der rassistischen Politik der Nazis, die sich im Deutschen Reich mehrere Jahre schrittweise radikalisierte förmlich überrollt.

Außerdem stellten die Polen den größten Teil der Opfer des Vernichtungsfeldzugs der Nazis gegen die Juden. Nicht wie viele fälschlicherweise glauben die deutschen Juden. Denn Polen und Osteuropa hatte den größten Anteil an Juden in ihrer Bevölkerung. In Deutschland waren es nur 0,7 Prozent, in Polen dagegen 10 Prozent und in den anderen Ländern Osteuropas wie Ungarn und Rumänien zwischen 4 bis 7 Prozent.

Der entscheidende Unterschied zu Holocaust liegt in der Bedeutungsebene. Der Shoah fehlt jede religiöse Opfer-Konnotation. Das Wort beschreibt den Zustand des Nichts. Es meint die absolute Leere, die nach dem Sturm zurückbleibt. Wer „Shoah“ sagt, rückt das jüdische Schicksal ins Zentrum. Er lehnt jede Form der nachträglichen Sinngebung für das Morden konsequent ab. Jüdische und viele europäische Forscher bevorzugen deshalb diesen Begriff.

Der mediale Urknall von 1979

Doch warum hat sich auch in Deutschland der Begriff Holocaust durchgesetzt? Ursprünglich kursierte dieser Begriff vor allem im angelsächsischen Raum und in der Fachliteratur. Bis Ende der 1970er Jahre nutzte man in der Bundesrepublik oft seltsam distanzierte Begriffe wie „Judenverfolgung“. Damals dachte man noch nicht an die verschiedenen Opfergruppen und sah nur die beiden Hauptgegner, die Juden und die politische Linke als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung an. Schlimmer noch: einige nutzten unbenutzt die Sprache der Täter, wenn sie von „Endlösung“ oder „Lösung der Judenfrage“ sprachen.

Erst 1979 veränderte sich alles mit der US-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“.Damals gab es weder den ikonischen Film „Schindlers Liste“, noch rauschten jeden Tag Hitlerdokus über den Fernsehbildschirm. Für viele Menschen, die nicht Opfer des NS-Regimes gewesen waren, war das eine erste nahezu vollständige Nacherzählung der Leiden des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Über 20 Millionen Deutsche schalteten ein. Die fiktive Familiengeschichte entfaltete eine enorme emotionale Wucht und brach ein jahrzehntelanges, eisiges Schweigen. Das Wort „Holocaust“ avancierte zum Wort des Jahres 1979. Es markierte den historischen Moment, an dem die deutsche Gesellschaft begann, sich den Opfern empathisch zuzuwenden.

Heute wirkt die Serie an manchen Stellen naiv und sie ist nicht gut gealtert. Viele Details und Analysen waren in den 70er Jahren noch nicht bekannt. Denn erst ab den 80er Jahren begann die Täterforschung und erst nach Ende des Kalten Krieges konnten in den 90er Jahren auch die Akten aus den sowjetischen Archiven ausgewertet werden.

Wer die Sendung noch nicht gesehen hat, sollte sich ein verregnetes Wochenende dafür einplanen. Im Gegensatz zu Schindlers Liste und modernen Holocaust-Filmen ist diese Mini-Serie auch erstaunlich harmlos. Gewalt wird meist nur angedeutet und nicht explizit gezeigt. Sie bietet Menschen, die das Thema gerade erst entdecken, einen kompakten Überblick. Und selbst Ereignisse, die in so manchen modernen Filmen gerne mal übergangen werden, werden hier beleuchtet. Wie das Massaker von Babyn Jar oder den Aufstand der Warschauer Juden.

Ich verlinke euch die Videos auf Youtube in den Quellen. Noch besser wäre es natürlich, wenn ihr euch die DVD kaufen würdet. Als Stream habe ich die Serie leider nicht gefunden. Sie ist aber auch deshalb sehenswert, weil hier die junge Meryl Streep eine ihrer ersten Hauptrollen spielt. Sie wurde als beste Darstellerin mit einem Emmy ausgezeichnet und die Serie gewann insgesamt 8 Emmys.

Das filmische Denkmal von Claude Lanzmann

Sechs Jahre später, 1985, setzte der französische Regisseur Claude Lanzmann einen radikalen Gegenpunkt mit seiner zweiteiligen Dokumentation. Das neunstündige Monumentalwerk trägt schlicht den Titel „Shoah“.

Lanzmann, selbst Jude, lehnte die US-Serie als kitschig und trivial ab. Die Darstellung von Gaskammern durch Schauspieler empfand er als Sakrileg. Sein Film, der leider immer nur kurz in der Arte-Mediathek verfügbar ist, verzichtet komplett auf Archivbilder, Leichenberge oder Hitler-Reden. Lanzmann lässt ausschließlich Orte und Zeitzeugen sprechen.

Für viele ist die ruhige Erzählweise der Dokumentation schwer zu ertragen. Aber für mich macht gerade diese Ruhe und das sich Zeit lassen den Sog dieser Doku aus. Anstatt auf billige Effekte und schnelle Schnitte, setzt dieser Film komplett auf die eigenen Gedanken und Gefühle, die beim Schauen und Zuhören in einem entstehen. Gerade wenn er die Männer des Sonderkommandos interviewt. Juden, die ihre eigenen Glaubensbrüder, manchmal sogar eigene Familienmitglieder, Frau und Kinder von den Gaskammern ins Krematorium bringen und verbrennen mussten.

Nicht umsonst wurde der Film und das dazugehörige Audioarchiv Lanzmanns 2023 von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe mit aufgenommen. Der Ansatz die damals weitgehend in Ruinen liegenden Konzentrationslager – die ja damals alle in der Sowjetunion lagen – zu besichtigen und das Grauen mit der völligen Ruhe dieser Orte zu kontrastieren ist auch heute noch tief berührend.

Durch dieses Meisterwerk etablierte sich „Shoah“ als Begriff für einen tiefgründigen, intellektuellen und respektvollen Umgang mit dem Völkermord. Der Begriff steht seitdem für die Anerkennung der jüdischen Souveränität über die eigene Leidensgeschichte.

Auch hier verlinke ich euch den Stream von Amazon Prime. Und da in dem Film hauptsächlich Männer zu Wort kommen hat Lanzmann eine zweite Doku mit dem Titel „Vier Schwestern“ gedreht. Hier werden vier Frauenschicksale vorgestellt vom Ghetto in Lodz bis zu den Menschen verachtenden Experimenten von Dr. Mengele in Auschwitz.

Für beide Filme ein Warnhinweis: die Aussagen sind zum Teil schwer zu ertragen. Gerade weil sie von den Opfern so nonchalant und häufig ohne große Gefühlsregung wiedergegeben werden. Ihr müsst bedenken, die Aufnahmen wurden mehrere Jahrzehnte nach den Ereignisse gemacht. Viele der Opfer mit denen Lanzmann spricht haben sich zu diesem Zeitpunkt schon psychologische Mechanismen angeeignet, um ihr Schicksal überhaupt ertragen zu können. Behaltet das im Hinterkopf, wenn ihr euch die Aufnahmen anseht.

Wissenslücken als Waffe der Neurechten

Doch warum sollten wir uns überhaupt die Mühe machen zwischen beiden Begriffen zu unterscheiden? Soll doch jeder den Begriff wählen, den er für am sinnvollsten hält. Leider beginnt Ausgrenzung schon mit der Sprache. Wenn wir mit Shoah die jüdische Perspektive betonen, fallen die anderen Opfergruppen, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Behinderte, die russischen Kriegsgefangenen etc. unter den Tisch.

Aktuelle Studien zeigen zudem ein alarmierendes Bild. Ein großer Teil der jungen Generation kennt sogar beide Begriffe nicht mehr. Der anfangs erwähnte Youtube-Kommentar wurde unter dem Arte Video von Lanzmanns Dokumentation gemacht. Eine Nutzerin forderte Arte ernsthaft auf, das Video umzubenennen. Niemand kenne das Wort "Shoah", "Holocaust" sei viel bekannter. Ein historisches Werk umbenennen, weil das Publikum zu bequem ist, einen Begriff zu recherchieren? Dieser Ignoranz begegnet man leider immer häufiger auf Social Media.

Solche Wissenslücken werden aktiv mit rechter Propaganda gefüllt. Durch Influencer, die unsere Geschichte umdeuten, verfälschen und missbrauchen, um rechte Märchen zu verbreiten. Wie die Lüge Hitler und die Nazis seien eigentlich links- und nicht rechtsextrem gewesen. Wenn wir die Begriffe nicht kennen, wie sollen wir dann historische Fakten von den Fakes unterscheiden? Holocaust-Leugner und rechte Trolle nutzen diese Unwissenheit gezielt, um Zweifel zu säen. Sie wollen die Opferzahlen kleinrechnen.

Ein klassisches Beispiel ist der Kampfbegriff vom „Bombenholocaust“. Rechte Akteure prägten dieses Wort, um die alliierten Luftangriffe auf Dresden 1945 zu beschreiben. Wer heute gegen sogenannte "Systemmedien" oder "Altparteien" hetzt und das Ende eines angeblichen "Schuldkults" fordert, nutzt exakt solche rhetorischen Tricks. Wer den Unterschied zwischen dem Holocaust und den Flächenbombardements der Alliierten im Krieg nicht kennt, bemerkt nicht, wie hier der industrielle Massenmord der Nazis relativiert wird.

Fakt ist: Es besteht ein fundamentaler Unterschied. Auf der einen Seite steht die industriell organisierte, rassistisch motivierte Auslöschung einer kompletten Bevölkerungsgruppe. Auf der anderen Seite stehen moralisch verwerfliche Bombenabwürfe, die das Ziel hatten, einen von Deutschland entfesselten Krieg mit über 60 Millionen Toten endlich zu beenden. Ganz zu schweigen davon, dass es bei den beteiligten Piloten höufig auch um Vergeltung für zuvor begangenes Unrecht ging. Denn die deutsche Luftwaffe hatte mit ihren Angriffen auf Städte wie Guernica, Warschau und Coventry zuerst den Tod von Tausenden Zivilisten billigend in Kauf genommen.

Eine präzise Sprache bildet unseren stärksten Schutzwall gegen die Relativierung von Völkermord und anderen Kriegsverbrechen. Wenn wir verstehen, dass „Holocaust“ oft universell gebraucht wird, während „Shoah“ die Einzigartigkeit der jüdischen Vernichtung betont, gewinnen wir die Deutungshoheit über unsere Geschichte zurück. Und überlassen sie nicht den Rechten, die unsere Geschichte für ihre Zwecke umdeuten wollen.

Fazit: Die Macht der Erinnerung

Dieser Text und das Video auf Youtube sollen keine Aufrufe dazu sein, Sprachpolizei zu spielen. Ob wir Holocaust oder Shoah sagen, hängt letztlich davon ab, welchen Aspekt der NS-Verbrechen wir betonen wollen. Entscheidend ist, dass wir die unterschiedliche Bedeutung kennen und verstehen.

Wir müssen uns bewusst machen, was wir mit unseren Worten ausdrücken. „Holocaust“ erinnert an die mediale Aufarbeitung und unsere globale Verantwortung, da der Begriff auch Sinti und Roma, queere Menschen, Kommunisten und Menschen mit Behinderung einschließt. „Shoah“ mahnt uns, die spezifische Perspektive der jüdischen Opfer zu ehren und dem Morden jeden Sinn abzusprechen.

In einer Zeit, in der Nationalisten versuchen, unsere Erinnerungskultur systematisch zu demontieren, fungieren feine sprachliche Nuancen als unsere effektivste Verteidigung. Der Streit um Worte darf jedoch nie die eigentliche Aufgabe der Erinnerung blockieren. Gerade die Opfer sprechen häufig in der Sprache der Täter und Dokumentationen aus vergangener Zeit verwenden auch Begriffe, die sehr nah an der Sprache der Nazis sind. Sind wir uns dessen bewusst oder verwenden wir die Begriffe einfach weiter? Ohne darüber nachzudenken!

Quellen & Links