Genau diesen fiesen Trick zieht gerade eine Armee von neurechten Influencern auf YouTube ab. Nur geht es hier nicht um Uhren, sondern um unsere Geschichte. Kanäle, die sonst gegen „Altparteien“ und das angeblich „grünversiffte“ Establishment hetzen, behaupten plötzlich eiskalt: Hitler und die NSDAP waren eigentlich links. Sie klingen dabei total überzeugend und nutzen sogar Zitate von NS-Größen wie Joseph Goebbels und Adolf Hitler selbst. Die Kommentarspalten zelebrieren diese angebliche Wahrheit.
Aber woher kommt dieser Blödsinn und welche Strategie steckt dahinter? Die Antwort liegt schlicht im Parteinamen: „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“.
In den 1920er Jahren erlebten die Begriffe „Sozialismus“ und „Arbeiterpartei“ einen absoluten Hype. Die linke SPD und die KPD zogen die Massen an. Rechte Strategen brauchten dringend einen Köder, um unzufriedene Arbeiter abzuwerben. Sie klebten einfach ein linkes Etikett auf ihre rechtsextreme Ideologie. Das war politisches Clickbaiting, Jahrzehnte vor dem Internet. Ein Trojanisches Pferd.
Der Wahlkampfslogan "Arbeit & Brot"
Der sehr erfolgreiche Wahlkampf von 1932 - die NSDAP wurde zu stärksten Kraft innerhalb der Arbeiter und konnte zwischen 1928 und 1933 der SPD 2 Mio. Stimmen wegnehmen - richtete sich explizit an die Arbeiterschaft. Unter dem Motto "Arbeit und Brot" richteten sich ein Viertel der Plakate an die Arbeiterschaft als Hauptzielgruppe der Nazis. Organisiert wurde dieser Wahlkampf, der der NSDAP den größten Stimmenzuwachs in freien Wahlen verschaffte von Gregor Strasser.Er gehörte eher zum linken Flügel der Partei. Übrigens ein sehr beliebter Trick bei diesen Videos von Kanälen wie "Wie24". Man zitiert meist nur diejenigen Parteimitglieder, die später in politische Auseiandersetzungen mit Hitler gerieten und wie Strasser in der sogenannten "Nacht der langen Messer" im Sommer 1934 nach dem "Röhm-Putsch" von der SS ermordet wurden. Denn vor der Machtübernahme 1933 gab es durchaus noch verschiedene Positionen innerhalb der Partei. Zitate aus den Jahren nach 1934 oder während des Krieges, als sich die rechte Ideologie gefestigt hatte und das Hitler-Regime in eine "Raubgemeinschaft" überging finden sich kaum. Sie würden ja dem Narrativ zuwiderlaufen.
Wer aber genauer hinsieht, erkennt sofort: Die NSDAP war eine zutiefst elitäre, rassistische und antidemokratische Bewegung. Sie verachtete den linken Grundgedanken von Gleichheit und internationaler Solidarität.
„Weltpest“: Hitlers offener Hass auf die Linke
Um diesen Etikettenschwindel platzen zu lassen, reicht ein Blick in Hitlers Buch „Mein Kampf“. Dort springt dem Leser der grenzenlose Hass förmlich ins Gesicht. Hitler hasste nicht nur jüdische Menschen, sondern auch den politischen Gegner abgrundtief.Die Rechten blenden die wichtigste Erzählung und Verschwörungstheorie der Zeit aus. Denn die sogenannte "Dolchstoßlegende" ist der wahre Grund, warum die Nazis Linke, also Kommunisten oder Marxisten und Sozialdemokraten so sehr hassen. Hitler und viele andere NSDAP-Mitglieder hatten im Ersten Weltrkieg gekämpft, den Deutschland bekanntermaßen verloren hat. Das wollten viele Militärs im Nachhinein nicht akzeptieren.Man bewies damit in meinen Augen nur, daß man von dieser Pestillenz aber auch nicht die geringste Ahnung besaß. [...] Daß es sich hier überhaupt um keine Partei handelt, sondern um eine Lehre, die zur Zerstörung der gesamten Menschheit führen muß.
— Adolf Hitler, Mein Kampf
Also erfanden sie die Legende, dass die damalige deutsche Regierung unter Führung der SPD den "kämpfenden Truppen in den Rücken gefallen" sei. Ohne den Verrat der Sozialdemokraten hätten die Deutschen am Ende gesiegt. Deswegen bezeichnet Adolf Hitler, die demokratischen und insbesondere linke Parteien immer wieder als "Novemberverbrecher". Wurde die Kapitulation doch im November 1918 unterzeichnet. Hitler warf Marxismus, Sozialismus und Sozialdemokratie in einen Topf. Genauso wie die Neurechten das heute mit den Grünen und Linken machen.
Er bezeichnete den Marxismus immer wieder wortwörtlich als „Weltpest“ und "Gift". Ihr könnt das gerne selber herausfinden. Ich habe die kritische Edition, die das Institut für Zeitgeschichte der Öffentlichkeit online zur Verfügung stellt unten bei den Quellen verlinkt. Eine Stichwortsuche zu manchen Themen würde für viele, die im Moment noch auf die Propaganda der Neurechten hereienfallen sehr erhellend sein. Die Parallelen zu den Propagandaschriften und der Hetze der Nazis sind oft frappierend. Man muss nur das Wort Jude durch Flüchtling ersetzen.[W]ährend mir 'Sozialdemokratie' und Sozialismus als identische Begriffe erschienen. Es bedurfte auch hier erst der Faust des Schicksals, um mir das Auge über diesen unerhörtesten Völkerbetrug zu öffnen. [...] erhielt ich nun im Laufe weniger Monate: das Verständnis für eine unter der Larve sozialer Tugend und Nächstenliebe wandelnde Pesthure, von der möglichst schnell die Menschheit die Erde befreie, da sonst gar leicht die Erde von der Menschheit frei werden wird.
— Adolf Hitler, Mein Kampf
Apropos Juden: die Hauptfeinde der Nazis werden natürlich auch mit dem politischen Gegner, den Linken verbunden. Durch die natürlich frei erfundene, antisemitische Weltverschwörung.
Indem ich die Juden als Führer der Sozialdemokratie erkannte.
— Adolf Hitler, Mein Kampf
Das nächste Zitat kürze ich stark ein, weil ich nicht den Rassenwahn Hitlers hier wiedergeben will. Aber in dem Abschnitt geht es darum, wie Juden, die Demokratie ablösen durch die Errichtung einer "Diktatur des Proletariats". Also hier wird ganz klar der Kern der rassistischen, antidemokratischen und antikommunistischen Ideologie der Natioanlsozialisten erklärt:Die jüdische Lehre des Marxismus [...]
— Adolf Hitler, Mein Kampf
Und natürlich verbindet er die Verachtung gegen die "jüdische" Linke auch mit seinem Hass auf die Demokratie:In der organisierten Masse des Marxismus hat er [der Jude] die Waffe gefunden, die ihn nun die Demokratie entbehren läßt und ihm an Stelle dessen gestattet, die Völker diktatorisch mit brutaler Faust zu unterjochen [...] Indem ich mich in die Lehre des Marxismus vertiefte und so das Wirken des jüdischen Volkes in ruhiger Klarheit einer Betrachtung unterzog [...] Nur die Kenntnis des Judentums allein bietet den Schlüssel zum Erfassen der inneren und damit wirklichen Absichten der Sozialdemokratie.
— Adolf Hitler, Mein Kampf
Wie können YouTuber heute ernsthaft behaupten, Hitler sei ein Linker gewesen, wenn er die Linke in seinem Buch in einer Tour beschimpfte? Das ergibt absolut keinen Sinn. Wer diesen Unsinn nachplappert, fälscht die Geschichte mit voller Absicht. In Hitlers rassistischem Wahn galten die Linken als der politische Arm der jüdischen Bevölkerung. Ihr angebliches Ziel: die deutschen Arbeiter verführen und Deutschland zerstören.Die Demokratie des heutigen Westens ist der Vorläufer des Marxismus, der ohne sie gar nicht denkbar wäre. Sie gibt erst dieser Weltpest den Nährboden, auf dem sich dann die Seuche auszubreiten vermag. In ihrer äußeren Ausdrucksform, dem Parlamentarismus, schuf sie sich noch eine 'Spottgeburt aus Dreck und Feuer'[.]
— Adolf Hitler, Mein Kampf
Sein erklärter Vernichtungskrieg richtete sich vom ersten Tag an gegen die Linke. Wer Hitler heute zum Linken verklärt, verhöhnt die echten Opfer des linken Widerstands. Diese Menschen gaben im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben. Sie können sich gegen die dreisten Lügen der Neurechten heute nicht mehr wehren. Deshalb müssen wir das tun.Auch der Marxismus hatte ein Ziel, und auch er kennt eine aufbauende Tätigkeit (wenn es sich dabei auch nur um die Errichtung einer Despotie des internationalen Weltfinanzjudentums handelt!)
— Adolf Hitler, Mein Kampf
Der 2. Mai 1933: Die blutige Zerschlagung der Arbeiterbewegung
In den Kommentarspalten der rechten Videos taucht oft ein Gegenargument auf: „Sozialisten bringen sich auch gegenseitig um, schau dir Stalin an. Dass Hitler Kommunisten verfolgte, macht ihn nicht rechts.“Die historische Realität widerlegt diese Ausrede qualvoll. Als Hitler 1933 an die Macht kam, waren Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter die allerersten Opfer seines Terrors. Das Regime baute die ersten Konzentrationslager, wie Dachau, explizit für die linke Opposition. Das war kein interner linker Streit. Das war die systematische Zerschlagung der Demokratie. Gestapo-Berichte wie die "Lagerberichte Rheinischer Gestapostellen" nannten die KPD und SPD durchgehend als Hauptgegner.
Aber was passierte mit den Arbeitern, für die die Partei angeblich stand? Am 2. Mai 1933 – nur einen Tag nach dem feierlichen Tag der Arbeit – stürmten Hitlers Schlägertrupps die Gewerkschaftshäuser. Sie zerschlugen die freien Gewerkschaften, raubten das komplette Vermögen und warfen die Funktionäre in Gefängnisse. Das Streikrecht? Sofort abgeschafft. Die Arbeiter zwängte das Regime in die staatliche „Deutsche Arbeitsfront“. Diese half maßgeblich dabei, die eigene Bevölkerung total zu überwachen.
Was ist mit den sozialen „Wohltaten“?
Rechte Influencer reiten gerne auf Themen wie Ehestandsdarlehen, Kindergeld oder den „Kraft durch Freude“-Urlauben herum. Doch diese Maßnahmen unterstützten ausschließlich die rassistische Ideologie. Jüdische Menschen blieben komplett ausgeschlossen. Wer als „asozial“ oder „behindert“ galt, verlor jegliche finanzielle Unterstützung. Das Regime belohnte nur jene, die in das eigene rassistische Weltbild passten.Der Zweck dahinter? Das Regime erkaufte sich die Loyalität der Massen, um den kommenden Vernichtungskrieg zu ermöglichen. Mit linker Politik oder echter Solidarität hatte das nichts zu tun. Aus Angst vor der Bevölkerung - man wollte um jeden Preis verhindern, dass wie 1918 die Heimatfront zusammenbrach - wurden sogar die geraubten Möbel der Juden an Deutsche verteilt.
Möbel, Hausrat, Geschirr und Heimtextilien der Opfer der Shoah aus den Beneluxländern und Frankreich wurden als "Hollandmöbel" an diejenigen Familien ausgegeben, die durch Bombenangriffe ihr Hab und Gut verloren hatten. Ein perfides Detail des Holocausts, das viele heute nicht mehr wissen oder wahrhaben wollen.
Hand in Hand mit dem Großkapital
Ein weiteres Märchen besagt, Hitler habe antikapitalistisch agiert und die Wirtschaft kontrolliert wie später die SED in der DDR. Eine komplette Verdrehung der Tatsachen.Die NSDAP pflegte nach der Machtübernahme 1933 exzellente Beziehungen zum Großkapital. Großindustrielle füllten - wenn auch nur vereinzelt und vor 33 noch mit Skepsis - die klammen Parteikassen der Nazis. Unternehmen wie Krupp oder IG Farben halfen dabei, die Aufrüstung zu finanzieren. Später profitierten diese Konzerne gigantisch von der grausamen Zwangsarbeit. Der NS-Staat reprivatisierte in den 30er Jahren sogar staatliche Betriebe. Das war Raubtierkapitalismus, kombiniert mit einer mörderischen Diktatur.
Der Staat griff zwar in die Wirtschaft ein, aber einzig und allein, um den Krieg vorzubereiten. Die vermeintlichen sozialen Wohltaten finanzierte das Regime durch beispiellosen Raub. Ab Mai 1933 enteigneten sie das Vermögen der verbotenen KPD und SPD. Später nutzten sie diese Methoden als Blaupause, um die jüdische Bevölkerung systematisch auszuplündern. Diese Raubwirtschaft als „Sozialismus“ zu verkaufen, ist purer Zynismus.
Fazit: Die Gefahr der neuen Lieblingslüge der Rechten
Warum investieren diese modernen rechten Kanäle so viel Energie in diese Lüge? Was erhoffen sie sich davon? Es geht um eiskalte Manipulation. Die Neue Rechte will ihre eigene Ideologie wieder gesellschaftsfähig machen. Der Nationalsozialismus bleibt das größte Verbrechen der Geschichte – verübt von Rechtsextremen. Wenn die Neurechten dieses dunkle Kapitel nun den Linken oder den „Systemparteien“ in die Schuhe schieben, waschen sie den Begriff „rechts“ von seiner historischen Schuld rein.Sie bauen ein absurdes Feindbild auf, um ihre eigenen ausgrenzenden, autoritären Ziele zu verschleiern. Wer die Geschichte fälscht, greift unsere Demokratie im Hier und Jetzt an. Überlassen wir diesen Extremisten nicht die Deutung unserer Vergangenheit. Sonst kontrollieren sie bald auch unsere Zukunft.
Was kannst du jetzt tun? Lass diese Lügen in deinem Feed nicht unkommentiert stehen. Teile Fakten, widersprich den rhetorischen Tricks der rechten Influencer. Möchtest du tiefer in die historischen Fakten einsteigen? Dann schau dir meine Quellen an.
Quellen & Links
- Beitrag aus dem Wirtschaftsdienst (2023):„Arbeit und Brot“ – die sozioökonomische NS-Propaganda vor 1933 Zum Beitrag von Nikolaus Kowall
- Hitlers Mein Kampf (2 Bände, Onlineressource) Hier findet ihr die kritische Edition des Instituts für Zeitgeschichte Zur durchsuchbaren Edition von Mein Kampf
- Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus Götz Aly, 2005
- Lageberichte rheinischer Gestapostellen bearbeitet von Anselm Faust, Bernd-A. Rusinek und Burkhard Dietz, 3 Bände, 2012-2016
- Facetten des Terrors. Der Geheimdienst der 'Deutschen Arbeitsfront' und die Zerstörung der Arbeiterbewegung 1933–1938 Karl Heinz Roth, 2000
- Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront 1933–1945 Rüdiger Hachtmann, 2012
- Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933 bis 1939 Michael Schneider, 1999
- Zerschlagung der Gewerkschaften 1933: Gewerkschaftshistorischer Stadtführer durch Berlin Martin Lücke, Dieter Pougin, Michael Sommer, 2013