Das Muster wiederholt sich stetig: Eine Gewalttat passiert im öffentlichen Raum. Der Täter hat einen Migrationshintergrund. Sofort läuft die Propagandamaschine auf Hochtouren. Die plumpe Botschaft lautet: Gewalt gegen Frauen ist ein importiertes Problem. Verursacht durch archaische Kulturen. Der anständige „Bio-Deutsche“ würde so etwas schließlich niemals tun.
Für diesen blinden Fleck in der Wahrnehmung existiert bereits ein präziser Begriff: Femonationalismus. Rechte Gruppierungen instrumentalisieren das reale, furchtbare Problem der sexualisierten Gewalt, um rassistische Hetze in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.
Femonationalismus, manchmal auch Feminationalismus genannt ist die Abkürzung für „feministischer und femokratischer Nationalismus“. Feministische Ideen werden zur Rechtfertigung islamfeindlicher, rassistischer und fremdenfeindlicher Positionen genutzt.
Hauptargument der Femonationalisten: Einwanderer seien sexistisch und frauenfeindlich während die westliche Gesellschaft vollkommen gleichberechtigt sei.
Der Mythos der nackten Zahlen
Rechte Hetzer behaupten gerne, Migranten oder Geflüchtete begehen überwiegend die Vergewaltigungen in Deutschland. Sie verweisen triumphierend auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Ihre Logik: Die Zahlen stiegen zeitgleich mit der Migration. Also existiert ein direkter Zusammenhang. Dabei sieht man den größten Anstieg nach 2020 mit der Corona-Pandemie und zeitgleich zur Me-Too-Debatte. Dies hat offensichtlich zu mehr Anzeigen geführt.Denn wenn wir mit Zahlen der Kriminalstatistik argumentieren müssen wir uns immer bewusst sein hier wird nur die Ermittlungsarbeit der Polizei gemessen. Die PKS gibt an, wie viele Täter oder Täterinnen die Polizei ermittelt hat. Nicht wie viele davon tatsächlich verurteilt worden sind.
Ein nüchterner Blick auf die Zahlen von 2024 demaskiert das rechte Narrativ als schlichte Lüge. Bei den vollendeten Vergewaltigungen identifizierten die Ermittlungsbehörden bundesweit knapp 11.000 Tatverdächtige. Das Ergebnis: Über 60 Prozent dieser Männer besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Erweitern wir den Blick auf „Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe in besonders schweren Fällen“, bleibt das Bild identisch. Deutsche Täter stellen die absolute Mehrheit.
Natürlich gehört zur Wahrheit, dass knapp 39 Prozent der Tatverdächtigen keinen deutschen Pass haben. Rechnet man ausländerrechtliche Delikte heraus, landen wir bei etwa 35 Prozent. Das ist unbestreitbar eine statistische Überrepräsentation, denn der ausländische Bevölkerungsanteil liegt nur bei knapp 26 Prozent. Haben die rechten Scharfmacher also doch recht?Die wahren Treiber der Kriminalität
Kriminologen widersprechen der Theorie einer „kriminellen ausländischen Kultur“ massiv. Kriminalität korreliert nicht mit Genen, sondern mit drei zentralen Faktoren:
- Alter
- Geschlecht
- Wohnort & soziale Lage
Die zugewanderte Bevölkerung in Deutschland ist im Durchschnitt elf Jahre jünger als die deutsche. Sie weist einen signifikant höheren Anteil an jungen Männern auf. Und junge Männer begehen – historisch und global betrachtet – in jeder Gesellschaft die meisten Straftaten. Leben diese Menschen dann noch isoliert in urbanen Ballungsräumen, unter prekären Bedingungen in Sammelunterkünften und unter massivem Stress, steigen die Deliktzahlen.
Die Rechten beschreiben also nichts anderes als Kausalitäten, die sich aus der Biografie der Täter ergeben. Toxische Männlichkeit und Gewaltbereitschaft existieren bei Murat aus Duisburg-Marxloh genauso wie bei Kevin aus Neukölln. Die pauschale Verurteilung aller Ausländer als potenzielle Vergewaltiger hilft den Opfern nicht im Geringsten. Und was mir persönlich immer fehlt ist der Blick auf den Teil der migrantischen Bevölkerung, der niemals straffällig wird und das sind 90 Prozent. Das muss man sich mal klarmachen, wir sprechen hier von 10 Prozent die problematisch sind!
Der gefährlichste Ort der Welt
Während der öffentliche Diskurs panisch auf den „fremden“ Täter blickt, der Joggerinnen im Park belästigt oder wie Jack the Ripper in dunklen Gassen auflauert, ignorieren die selbsternannten „Frauenschützer“ von rechts konsequent den statistisch gefährlichsten Ort für Frauen: die eigenen vier Wände. Denn Gewalt gegen Frauen ist häufig immer noch ein „Heimspiel“.
Die Kriminalstatistik 2024 verzeichnet bei häuslicher Gewalt einen neuen Höchststand von knapp 266.000 erfassten Opfern.
- Über 70 Prozent dieser Opfer sind weiblich.
- Das bedeutet: 30 Fälle. In einer einzigen Stunde.
- Bei Partnerschaftsgewalt sind fast 80 Prozent der Opfer Frauen.
- Über drei Viertel dieser Täter sind deutsche Männer.
Noch gravierender fallen die Zahlen bei Femiziden aus. Mehr als 300 Frauen und Mädchen wurden 2024 von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet. Fast jeden Tag ermordet ein Mann in Deutschland eine Frau, weil er sie als seinen Besitz betrachtet. Hier existiert keine Korrelation zur Herkunft. Neueste Studien zeigen, dass sich der Femizid durch alle sozialen Schichten zieht.Eine neue und bisher einzigartige Studie zu Femiziden in Deutschland legt nahe, dass die Gewalt gegen Frauen tief in patriarchalen Strukturen verwurzelt ist. Einem Weltbild, das viele extreme Rechte ironischerweise mit radikalen Islamisten teilen.
Das Schweigen im Dunkelfeld und das „Nordic Paradox“
Die Kriminalstatistik zeigt uns nur das Hellfeld. Also Taten, die Opfer aktiv anzeigen. Kriminologische Dunkelfeldstudien offenbaren eine weitaus düsterere Realität. Vergewaltigt der eigene Ehemann die Frau, liegt die Anzeigequote bei unter fünf Prozent. Scham, ökonomische Abhängigkeit und familiärer Druck zwingen die Opfer zum Schweigen.Gleichzeitig belegt die Wissenschaft ein asymmetrisches Anzeigeverhalten: Eine Frau zeigt einen rassistisch als „fremd“ wahrgenommenen Angreifer im öffentlichen Raum viel eher an als den sympathischen Bekannten von nebenan oder den eigenen Vorgesetzten. Die MeToo-Debatte und der jüngste Skandal um Jeffrey Epstein offenbarten eindrücklich, wie mächtige Männer jahrzehntelang ungestraft agierten.
Und warum steigen die Fallzahlen in der Statistik überhaupt? Eine entscheidende Rolle spielt die Reform des Sexualstrafrechts 2016. Der Grundsatz „Nein heißt Nein“ kriminalisiert sexuelle Handlungen gegen den erkennbaren Willen einer Person endlich konsequent. Zuvor setzten Gerichte eine Vergewaltigung oft nur dann als strafbar voraus, wenn der Täter physische Gewalt anwendete. Die Gesetzesverschärfung hilft Opfern enorm. Sie unterstützt Frauen dabei, Taten anzuzeigen, die früher straffrei geblieben wären. Das bedeutet keine plötzliche „Vergewaltigungsepidemie“, sondern ein längst überfälliges Ausleuchten des Dunkelfelds.Außerdem sieht man ganz deutlich einen zweiten Anstieg in den Jahren 2020/21. Auch hier kann es keinen Zusammenhang mit gestiegenen Flüchtlingszahlen geben, weil die Zahlen zu dieser Zeit sehr niedrig waren. Vielmehr ergibt sich ein Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. In der die Fälle häuslicher Gewalt durch die angespannte Situation Zuhause zunahmen.
Einen paradoxen Effekt, das „Nordic Parodox“ kann man in Ländern wie Finnland oder Schweden beobachten. Beide Länder führen bei der Gleichstellung, melden aber die höchsten Raten an Gewalt gegen Frauen in Europa. Nicht wegen gewalttätiger Migranten, sondern weil emanzipierte Frauen dort ihrem Rechtsstaat vertrauen und Übergriffe häufiger anzeigen.
Die vergessenen Opfer
Wer den Schutz von Frauen ernst meint, muss jene schützen, die am verletzlichsten sind. Die Rechten ignorieren diese Gruppe völlig: Frauen mit Migrationshintergrund. Vor zwanzig Jahren waren die sogenannten „Ehrenmorde“ noch ein ganz großes Thema. Junge Frauen und Mädchen, mit türkisch-arabischer Herkunft wurden von ihren Vätern oder Brüdern ermordet, weil sie mit ihrem Verhalten die Familienehre beschmutzt hätten.Geflüchtete Frauen leiden unter einer dreifachen Vulnerabilität:
- Sie sind aufenthaltsrechtlich oft an den gewalttätigen Ehemann gebunden (bei Trennung droht Abschiebung).
- Sie leben ungeschützt in Sammelunterkünften ohne familiäres Sicherheitsnetz.
- Sie scheitern bei der Hilfesuche an enormen sprachlichen und bürokratischen Hürden.
Während Rechte symbolpolitische Abschiebungen fordern und auf Plakaten gegen „Messermänner“ hetzen, lassen sie die am stärksten bedrohten Frauen im Stich. Wer Frauen wirklich schützen will, finanziert Frauenhäuser, unterstützt Beratungsstellen und bekämpft patriarchale Rollenbilder in jeder Gesellschaftsschicht. Toxische Männlichkeit trägt keinen spezifischen Pass.
Fazit: Kein Importproblem
Gewalt gegen Frauen ist kein Importprodukt. Diese These ist genauso falsch wie die Behauptung der Rechten, das größte Problem mit Antisemitismus seien die Araber, die das Existenzrecht Israels infrage stellen und zusammen mit linken Unterstützern für einen palästinensischen Staat den Antisemitismus zurück nach Deutschland gebracht hätten.Gewalt gegen Frauen ist ein strukturelles Problem, das in der Abwertung von Frauen wurzelt – egal ob am Stammtisch, im Großraumbüro oder in der Shisha-Bar. Statistiken zu missbrauchen, um rassistische Narrative zu füttern, verhöhnt die Opfer und verhindert echten Gewaltschutz.
Wer wirklich Frauen in unserer Gesellschaft vor Gewalt schützen will, der finanziert Frauenhäuser und Präventionsprojekte. Die helfen allen potentiellen Opfern, auch jenen – wie migrantische Frauen – die keine große Lobby haben. Schaut nicht weg, wenn Frauen belästigt werden. Ob im eigenen Umfeld, unter Familien und Freunden oder im öffentlichen Nahverkehr.
Quellen & Links
- Hier findet ihr die aktuellen Zahlen der KriminalstatistikKriminalstatistik 2025
- Meldung über eine Zunahme der Gewalt gegen Frauen und ihre Formen Gewalt gegen Frauen
- Zentrale Erkenntnisse für das Jahr 2024 BKA 2024
- Zahlen der Polizeilischen Kriminalstatistik zu nichtdeutschen Tätern 2024 Kriminalstatistik 2024
- Opfertabellen der polizeilichen Kriminalstatistik 2024 Kriminalstatistik 2024
- BKA-Lagebild: Steigende Risiken für Frauen mit und ohne deutschen Pass Migazin Artikel aus dem November 2024
- Taten nach § 177 StGB in der Polizeilichen Kriminalstatistik – Zusammenhänge mit Zuwanderung von Prof. Dr. Tatjana Hörnle Kriminalpolitische Zeitschrift
- Ergebnisse der Studie “Femizide in Deutschland” Studie Femizide in Deutschland
- EU gender-based violence survey - Evidence for policy and practice EU-Report zur Gewalt gegen Frauen
- Every third woman in the EU experienced gender-based violence Artikel vom 25. November 2024
- Statistische Daten von Eurostat Gender-based violence statistics
- Antifeminismus 2025 Bedrohte Körper, bedrohte Demokratie Jahresrückblick von Belltower News
- Migration und Kriminalität Erfahrungen und neuere Entwicklungen von Christian Walburg Bundeszentrale für politische Bildung
- Sexualstraftäter ohne und mit Migrationshintergrund aus dem Nahen Osten und Nordafrika Tatverhalten und Rückfallprognose Erschienen in Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie | Ausgabe 4/2017 Studie zu migrantischen Tätern